Rundgang durch die Kirche












Blick zum Hochaltar

Der Blick auf den Hochaltar führt uns hinein in das Zentrum des göttlichen Heilswerkes, unsere Erlösung durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Das romanische Kreuz, zu dem die ganze Pracht des Raumes hintlutet, stammt noch aus der Gründungszeit. Es ist erstaunlich, wie gut es der Künstler bei der Einfügung dieses altehrwürdigen Gnadenbildes in den Altaraufbau verstanden hat, die äußersten Gegensätze von Romanik und Rokoko so zu verbinden, daß der Eindruck eines Stilbruches nicht aufkommen kann.

Die Christusfigur stellt den "Rex triumphans" dar, den Sieger über Sünde und Tod. Die hoheitsvolle Gestalt mit den geöffneten Augen bringt die göttliche Würde dieses Gekreuzigten zum Ausdruck und läßt schon die Auferstehung vorausahnen. Die Goldornamente auf den Kreuzesbalken, die zwölf Strahlenbündel und der prachtvolle Rocaille-Rahmen spiegeln die Herrlichkeit des zum Himmel erhöhten Herrn wider. Die übermächtige Erlöserliebe Jesu zeigt sich in seinen weit ausgespannten Armen. Die ganze Menschheit möchte er an sein Herz ziehen und mitnehmen zum Vater. Darauf weist auch die Inschrift am Fuße des Kreuzes hin, die übersetzt lautet: "Ich aber werde, wenn ich von der Erde erhöht bin, alles an mich ziehen" (Jo 12,32). So offenbart sich hier auf eindrucksvolle Weise die Barmherzigkeit Christi, die gerade der hl. Dominikus den Menschen vermitteln wollte.

Gott Vater im Auszug des Hochaltares

Das Heilsgeheimnis des Todes, der Auferstehung und Erhöhung Christi wird uns nochmals zusammenfassend vor Augen geführt in der Gestalt des apokalyptischen Lammes über der Tabernakelumrahmung. Bezeichnenderweise ist es hier nicht wie sonst oft auf dem Buch liegend dargestellt, sondern es steht aufrecht als das zum Leben erweckte Osterlamm. Das gleiche Thema wird angeschlagen im Deckengemälde des Nonnenchores. (Dieser Gebetsraum, den die Schwestern während der warmen Jahreszeit benützen, bildet die nach Westen hin stark verlängerte Empore der Kirche, auf der sich auch die Orgel befindet. Das Decken-fresko ist vom Presbyterium aus teilweise sichtbar.) Auch hier steht das Lamm, aus der Seitenwunde blutend, auf dem Buch wie auf einem Thron, umgeben von heiligen Frauen. Sie dürfen teilnehmen an der Hochzeit des Lammes, denn in ihrem Erdenleben sind sie dem Lamm gefolgt, "wohin es geht" (Offb 14,4): Per Crucem ad Lucem, durch Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung.

PuttoIn der phantasievollen Architektur des Tabernakels hat uns der Künstler wiederum einen Beweis seines überragenden Könnens geschenkt. Das drehbare Gehäuse ist gestaltet wie eine siebensäulige Chorapsis mit Umgang. Die Umrahmung bildet eine originelle Kombination von verschiedenartigen Rocaillebögen, Gebälkfragmenten, Durchbrüchen, Pfeilern und Puttenhermen. Das Ganze will wohl nichts anderes sein als ein Ausdruck stammelnden Staunens über die unaussprechliche Größe des eucharistischen Mysteriums und damit auch ein Zeichen der besonderen Verehrung des Dominikanerordens für dieses Sakrament.

Es muß noch betont werden, wie vortrefflich der Hochaltar durch die Sorgfalt der künstlerischen Ausgestaltung des Kreuzes, des Abendmahls und des Tabernakels den dreifachen Aspekt des katholischen Eucharistieverständnisses veranschaulicht: Eucharistie ist in erster Linie Opferhandlung, d. h. Vergegenwärtigung des Kreuzesopfers, sie ist sodann Feier des Herrenmahles und schließlich ist sie bleibende Gegenwart Christi unter der Gestalt des Brotes, die im Tabernakel aufbewahrt wird.

Deckengemälde im Presbyterium

Auch das Deckengemälde des Presbyteriums fügt sich von seinem Aussagegehalt her in die Gesamtkonzeption ein. Es geht hier um den "Drachensturz"' ein im Barock häufig anzutreffendes Thema. Der Erzengel Michael setzt triumphierend seinen Fuß auf den von ihm besiegten Luzifer, der nun zum Teufel geworden ist. Der theologische Hintergrund ist folgender: Als schönster und höchstbegabter Engel geschaffen, hatte es Luzifer hochmütig abgelehnt, sich Gott als seinem Herrn und Gebieter zu unterwerfen (vgl. Jes 14,12-14), Christus als das Haupt der Schöpfung anzuerkennen (und, wie einige sagen, Maria als die Mutter des menschgewordenen Gottessohnes zu ehren). So wurde er samt seiner Gefolgschaft aus dem Himmel ausgestoßen (vgl. 2 Petr 2,4). Von dem Kampf Michaels mit dem Drachen ist in Offb 12,7-9 die Rede.

Das Deckengemälde läßt uns nun sozusagen einen Blick in den Himmel tun, ja es läßt uns die Wohnstatt Gottes und der Heiligen als etwas uns ganz Nahes erkennen. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Mensch der Barockzeit die jenseitige Welt als Realität ansah, kann geradezu als Charakteristikum dieser Epoche gelten. Unser Bild zeigt die Verherrlichung des Heiligen Kreuzes, das in die Höhen des Himmels getragen, von musizierenden Engeln gefeiert und von einer buntbewegten, schwerelosen Schar von Heiligen bewundert wird.

Betrachten wir jetzt die beiden Seitenaltäre und lassen wir uns von ihnen noch tiefer hineinführen in die geistige Welt des Dominikanerordens! Das linke Altarblatt zeigt die "Verleihung des Rosenkranzes an den hl. Dominikus", was auf eine Legende des französischen Dominikaners Alanus de Rupe (+ 1475) zurückgeht. Wenn auch Dominikus selbst das Rosenkranzgebet nicht eingeführt hat, zumindest nicht in seiner heutigen Form, so sah doch sein Orden in der Pflege und Verbreitung dieser Andacht eine notwendige Ergänzung zur Predigttätigkeit; die Frucht der Verkündigung ist ja nur dann von Bestand, wenn die Hörer lernen, im Gebet Kontakt mit Gott zu suchen. Außerdem bietet der Rosenkranz eine ausgezeichnete Hilfe zur Einprägung und inneren Aneignung der Glaubensgeheimnisse. So gründeten die Söhne des hl. Dominikus zahllose Rosenkranzbruderschaften, und bis heute verehren sie die Gottesmutter vornehmlich unter dem Titel "Königin des hl. Rosenkranzes".

Die Neubelebung des Glaubens und der Gottesliebe, die Dominikus erstrebte, ist auf dem Gemälde angedeutet durch sein häufigstes Attribut, einen Hund, der mit einer Fackel die Welt in Brand setzt.

Auf dem Rosenkranzaltar ist zusammen mit dem Gründer auch die größte Heilige abgebildet, die sein Orden hervorgebracht hat: Katharina von Siena (1347-1380), eine der bedeutendsten Frauen der Kirchengeschichte. Sie war von Gott berufen, ein weitgespanntes Apostolat auszuüben. Die Rückkehr des Papstes von Avignon nach Rom geschah hauptsächlich unter ihrem Einfluß. Katharina, die berühmte Schriften des geistlichen Lebens und der Theologie hinterließ, wurde 1970 von Papst Paul VI. zur Kirchenlehrerin erklärt. Die Dominikanerinnen des aktiven Lebens verehren sie als ihre Patronin.

Einer Heiligen aus dem sog. II. Orden, der von den eingangs erwähnten Dominikanerinnen der kontemplativen Richtung gebildet wird, begegnen wir auf dem rechten Seitenaltar. Es ist Agnes von Montepulciano, eine große Mystikerin, die in einem gnadenhaften Erlebnis das Jesuskind auf ihre Arme nehmen durfte. Auf dem Bild dominiert die Gestalt Mariens, der Christusbringerin und Gnadenvermittlerin, ein weiterer Hinweis auf die marianische Prägung des Predigerordens.

Pietô neben dem RosenkranzaltarDie Pietà in der linken und die Figur des hl. Joseph in der rechten Wandnische neben den Seitenaltären sind ausdrucksstarke Werke des Rokoko, umrahmt von gefälligem Stuckdekor. Die Schmerzensmutter trägt in Entsprechung zum Rex triumphans des Hochaltarkreuzes bereits die Krone der Herrlichkeit.

Der Seitenaltar an der Südwand ist dem Gedächtnis des "guten Schächers" gewidmet, dem hl. Dismas, dem Jesus vom Kreuz aus das Paradies versprach. Dieses seltene Altarbild, ein Fresko mit Stuckrahmen, macht in dem begnadeten Verbrecher sozusagen die erste Frucht des Kreuzestodes Christi sichtbar und - dominikanisch betrachtet - die übergroße Barmherzigkeit des Erlösers.

Unterhalb des Altarblattes findet sich ein kleineres ovales Bild der hl. Maria Magdalena. Aus der auffallenden Ähnlichkeit mit einer entsprechenden Darstellung in Frauenzell darf man schließen' daß es von Martin Speer stammt. Dieser Heiligen war - ebenso wie dem guten Schächer - die Gnade geschenkt, das Wort der Vergebung aus dem Munde Jesu selbst zu vernehmen.

Blick zum Nonnenchor

Die aus feingliedrigem Rocaille- und Netzwerk bestehenden geschnitzten Gitter an den Spiegelfenstern und an den Durchbrüchen zum Nonnenchor sind ganz in Gold gehalten. Besonders das mittlere, das dem graziösen Schwung der Balustrade folgt und nach oben flammenartig ausschwingt, wirkt wie ein rauschendes"Jubilate Deo!". Es lenkt den Blick hin zu der Kartusche am Chorbogen, deren Inschrift verkündet. " Ecce enim propter Crucem venit gaudium in universo munde." ("Siehe, durch das Kreuz kam Freude in die ganze Welt!"). Das Thema der Raumgestaltung könnte nicht besser zum Ausdruck gebracht werden als durch diese jahrhundertealte Antiphon aus der Kreuzliturgie.


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